REGIEGESPRÄCH

Die taiwanesische Filmkritikerin JANE YU hat SEBASTIAN WINKELS zu seiner Arbeit befragt.

Frage: Sie sagen, die ursprüngliche Idee für diesen Dokumentarfilm entspringt Ihrer eigenen Erfahrung?

Antwort: Ja, zur Idee von TALKING MONEY kam es vor circa fünf Jahren, als ich zum ersten Mal einen Banktermin hatte, um einen Kredit zu beantragen. Ich saß dort einer Beraterin gegenüber und erläuterte nicht nur meine finanzielle Situation, sondern auch meine übrigen Lebensumstände. Die Situation war psychologisch sehr aufgeladen und ziemlich merkwürdig. Ich fühlte mich wie nackt, denn es ist schon eine sehr intime Situation, in der man angehalten wird, sich zu präsentieren. Das persönliche, familiäre und soziale Bild, das ich dabei von mir entwarf, kam mir anschließend ganz fremd vor, so als hätte ich gerade jemand anderen beschrieben. Ich hatte das Gefühl, mich nicht darin wiederzuerkennen, da ich mich einerseits adrett verpacken und gleichzeitig eine kritische Haltung gegenüber der Beraterin einnehmen wollte. Das ist ein gehöriger Spagat. Ich spürte vor allem diese Macht, die an diesem Tisch herrscht. Jeder Bankangestellte vertritt ja seine Institution und die Institution vertritt wiederum das System, in dem wir uns alle bewegen – und das verfügt über die Entscheidungsgewalt, dir letzten Endes den Kredit zu gewähren oder eben nicht.

 

Frage: Ihre Filme „7 Brüder“ oder „Mein schönes Leben (Nicht alles schlucken)“ sind ebenfalls von Menschen bevölkert, die in einem filmisch recht minimalistischen Setting miteinander sprechen. Was reizt Sie am Dokumentarfilm?

Antwort: Ja, das stimmt. Ich brauche das dunkle Kino als Erzählraum und sonst eigentlich eher wenig. Meist konzentrieren sich meine Filme auf eine bestimmte Kommunikationssituation und eine spezielle Funktion von Sprache, die diese Situation prägt. Den Dreh richte ich danach aus, diese besonderen Aspekte der Sprache und des Miteinanders genau beobachten zu können. Da geht es um sehr flüchtige Dinge. Für Protagonisten ist es ja nicht leicht, vor einer Kamera ganz frei und bei sich zu sein. Wenn es ihnen gelingt, wird es sofort spannend, weil es authentisch ist – und das ist immer etwas Besonderes, das jeder Zuschauer spürt und das man nicht erklären kann. Für mich liegt der Reiz des Dokumentarischen genau darin, dass die Erzählung fragil und unvorhersehbar bleibt und echtem, gelebtem Leben entspringt. Niemand hat sich das ausgedacht, etwas aufgeschrieben und dann inszeniert. Es ist reine Präsenz. Warum meine Themen oft mit Kommunikation und Sprache zu tun haben, kann ich nicht sagen, vielleicht hat es etwas mit meiner vielköpfigen Familie zu tun. Jedenfalls fange ich an, ein Projekt zu verfolgen, wenn ich eine bestimmte Kommunikationssituation entdecke, die mich nachhaltig beschäftigt. Dann möchte ich sie gerne filmisch so übersetzen, dass daraus – mit etwas Glück, im Kinosaal eine originäre Wucht entstehen kann. Falls das gelingt, hat es für mich wesentlich mit der Herangehensweise bei der Aufnahme, die ich als ‚soziale Kamera’ bezeichne und mit der angesprochenen Authentizität zu tun. Genau darüber mache ich mir im Vorfeld die meisten Gedanken. Denn falls etwas in der filmischen Herangehensweise nicht stimmt, verfälscht das eigentlich alles. Jemand, dessen Arbeit ich in dieser Hinsicht großartig finde, ist Raymond Depardon – ich glaube, er hat überhaupt erst dieses spezielle Interesse in mir geweckt.

Frage: Wie viel wissen Sie denn vorher? Wie bereiten Sie sich vor?

Antwort: Bei TALKING MONEY war die anfängliche Frage, ob wir eventuell zu jemand anderem werden, sobald wir über Geld reden und wenn ja, wie und warum das passiert. Ist das überall gleich oder von dem Kulturkreis abhängig, der uns geprägt hat? Wie gehen wir mit der Machtsituation an diesem Tisch um? Gibt es da im zehnten Jahr nach der Finanzkrise überhaupt noch Vertrauen oder versuchen wir nur, uns gegenseitig möglichst trickreich etwas vorzumachen? Früher waren der Pfarrer, der Arzt oder der Bankdirektor ja moralische Instanzen. Wie machen wir das heute, Besitz zu teilen bzw. Grenzen zu ziehen? Was ist deins und was ist meins und wie verhandeln wir das? Das ist eine sehr alte Frage.

Während des Schreibens zeigt sich früh die zentrale Fragestellung eines Projektes, wie z.B.: ‚Was ist Familie?’ bei „7 Brüder“, in dem es um das Weitergeben von erzähltem Leben geht. Ich versuche nicht, im Film direkt eine Antwort zu geben, was ja im Falle von ‚Was ist Familie?’ gar nicht geht, sondern möchte den Zuschauer animieren, die Erzählung ganz individuell auf sich selbst anzuwenden, sie quasi persönlich zu nehmen und innerlich zu reflektieren. Sie können den Film aus Ihrer Perspektive als Einzelkind, als Großvater oder als zweitjüngster von Fünfen erleben. Für 86 Minuten darf man Teil der Familie Hufschmidt aus Mülheim a. d. Ruhr sein. Das filmische Arrangement soll so wirken, dass Sie sich unweigerlich einbringen, z.B. indem Sie sich vergleichen. Das klingt jetzt irgendwie nach Arbeit und in der Tat ist das ein aktiver Zustand. Wenn man als Zuschauer allerdings ganz in eine Erzählung eintaucht, spürt man keine Anstrengung, sondern eher Leichtigkeit, weil es Spaß macht, wenn die eigenen Erlebnisse und Gedanken auf einmal zum Film dazugehören. Daher geht es in meinen Filmen eher langsam zu. Es braucht diesen Raum und eine Art zuhörende Konzentration, die für mich so nur im Kinosaal existiert. Die will nicht offensiv streng daherkommen, sondern installiert sich hoffentlich eher beiläufig. Das ist jedenfalls das Ziel. Ich hoffe, dass man es mühelos genießen kann, obwohl die Filme sehr persönlich gemeint sind und einem, wie im Falle von „Mein schönes Leben“, in dem es um das Dosierungsdilemma von Psychopharmaka geht, teilweise ziemlich an die Gurgel gehen. Ich möchte dazu beitragen, genau das zuzulassen. Ich jedenfalls suche das im Kino. Ich möchte mich in etwas verlieren dürfen. Ich bitte quasi darum, dass mir jemand gekonnt an die Gurgel geht und mich zutiefst überrascht, denn ich möchte verändert aus dem Film herauskommen. Er soll etwas mit mir gemacht haben. Wir sind es ja leider gewohnt, überwiegend mit ‚Wahrheiten’ beballert zu werden und sollen – gerade im Dokumentarfilm – ständig etwas lernen. Stichwort: verfilmtes Sachbuch, zu diesem oder jenem Thema. Wir kriegen gesagt, was wichtig, richtig und falsch ist und vor allem, was wir davon zu halten haben. Ist was traurig gemeint, gibt’s gleich die entsprechende Musik dazu, usw.. Mich ermüdet diese dramaturgische Gängelei zunehmend, denn so wird jede noch so spannende Erzählung distanziert und vordergründig. Da gibt es wenig inneren Dialog, sondern reines Konsumieren. Irgendjemand weiß alles und ich soll dem folgen. Die Erzählrichtung bleibt da eher einseitig.

© Goethe-Institut Taipei & Terry Lin

Ich behaupte daher, dass es gut tut, sich in einer stimmigen Entschleunigung wiederzufinden, die es dem Zuschauer erlaubt, Teil der Erzählung zu werden. Natürlich gibt es eine Berechtigung für themenzentrierte Filme, die aufklären sollen, usw., aber es ist eigentlich nur ein winziger Teil von dem, was Dokumentarfilm vermag. Leider scheint dieser Teil seit Jahren alles um sich herum aufzufressen, als gäbe es nicht diese besondere Kraft und Kunst des Kinos, uns zu überraschen und dabei etwas über die ‚condition humaine’ herauszufinden. Das macht mich schon wütend und in gewisser Weise bin ich umso mehr davon besessen, meine Geschichten mit all ihren offenen Enden in die Köpfe der Zuschauer zu übertragen.

Diese Idee, die ich jetzt mal partizipatives Erzählen nenne, bedeutet für mich, den Kinosaal in einem wörtlichen Sinn als Ort der Filmhandlung anzusehen und mit sparsamen Mitteln so zu inszenieren, dass er sich – wie im Fall von TALKING MONEY, in eine Bank verwandeln kann. Das funktioniert nur in einem ungestörten Zeitkontinuum, ohne perspektivische Brüche oder Musik, etc.. Der Kinosaal spielt quasi eine eigene Rolle im Film, als ein Raum für Beziehungen. Der Film findet nicht irgendwo anders statt, sondern hier und wir sind Teil der Handlung. Dort begegnen wir, fast wie im Traum, realen Menschen und nichts sonst. Das wird nicht überlagert, sondern darf einfach mal so sein. Der Tagtraum ist im Kino entscheidend. Diese leibhaftigen und sich so echt anfühlenden Beziehungen zwischen Zuschauern und Protagonisten sind nur im Dokumentarfilm möglich, denn auch im Theater wird ja jeden Abend alles neu gespielt. Wie verrückt ist das eigentlich? Das begeistert mich an dieser Arbeit, aber oft wird genau das erzählerisch hintenangestellt, vielleicht auch, weil es als zu filigran oder einfach nebensächlich gilt. Dem didaktischen Erklärbär-Kino steht es jedenfalls diametral entgegen. Meiner Ansicht nach sehen wir die Wirkungen des Authentischen als zu selbstverständlich an, dabei ist es genaugenommen pure Magie. Aber jetzt habe ich vielleicht Ihre Frage gar nicht beantwortet.

Frage: Macht nichts. So ein Projekt klingt nach einem waghalsigen Abenteuer. Was wissen Sie vor den Dreharbeiten Ihrer Filme eigentlich?

Antwort: Ich weiß meist, wie ich vorgehen möchte. Wo die Kamera steht zum Beispiel. Wie die Regeln beim Dreh sind, also was ich darf und was nicht. Bei „7 Brüder“ wollte ich z.B. keine Fragen stellen, obwohl man ja meinen könnte, es sei ein Interviewfilm. Ich habe mich darauf beschränkt, von mir zu erzählen und tatsächlich nichts gefragt. Dabei ist viel Stille entstanden, die man erst mal aushalten muss. Im Endeffekt besteht der Film aber eben nicht aus ‚höflichen Antworten’, sondern aus freien Erinnerungen und Erzählungen, was vielleicht seine Qualität ausmacht. Bei „Mein schönes Leben“ war vorher klar, dass die Kamera den Kreis, in dem die Personen sitzen, nie verlassen darf, damit man als Zuschauer Teil des Trialogforums bzw. Psychoseseminars wird. Man sitzt im Kino und denkt: „Gleich sag ich auch mal was, ich bin nur grad noch nicht dran.“

In der Vorbereitungsphase von TALKING MONEY fiel früh der Entschluss, nur ‚echte‘, d.h. nicht vorher gecastete Protagonisten oder Fälle zu porträtieren. Ich wollte mit Menschen drehen, die an dem Tag sowieso in die Bank kommen, weil sie ein irgendein Anliegen haben. Wir mussten daher genug Zeit mitbringen, um genügend Geschichten zu sammeln. Schlussendlich haben wir pro Bank eine Woche drehen können. Vor allem aber wollte ich diesen einen Blick: aus der Position des Beraters auf den Kunden, also auf uns selbst zu schauen. Im Vertrauen darauf, dass dieses Dispositiv zum Motor des Films wird. Diesen Perspektivwechsel, über verschiedene Sprachen, Gesellschaftssysteme und Kulturkreise hinweg in eine Art kollektiven Spiegel zu schauen, fand ich spannend, und auch ziemlich komisch. Der Film spielt ja quasi auf dem Schoß des Bankers. Was für eine Pole Position, um in die Welt zu schauen und eine soziale Aufzeichnung zu machen! Wahrscheinlich weiß ja jeder im Saal, wie es sich anfühlt, an diesem Tisch zu sitzen und obwohl die Beziehungen in jedem Gespräch anders verlaufen, haftet der Situation doch etwas Universelles an. Die Reaktionsweisen und Strategien auf beiden Seiten des Tisches entspringen den lokalen Gegebenheiten sowie vor allem der Kreativität der beteiligten Personen. Als Zuschauer erkennen wir uns unterschiedlich stark darin wieder, entdecken vielleicht Lieblinge oder finden es passagenweise auch mal nicht so spannend. Mein Punkt ist aber, dass wir ‚dabei sind’, verstehen Sie?

Dann gab es noch die Idee, dass die Stimmen aller Bankberater zu einer eigenen Figur verschmelzen würden. Diese übergeordnete Figur haben wir im Schnittprozess ‚Mutter aller Banken’ genannt und sie konnte nur entstehen, weil wir die Bankangestellten im Off lassen. Überhaupt: das Off ist ein wahrer Freund und Helfer! Das Nichtgesagte oder Nichtgezeigte bringt einen Film oft erst richtig auf Trab. Wir stellen uns ja zwangsläufig die Dinge vor, die wir nicht sehen, wie z.B. den US Schlitten, den sich Herr Gocha unvernünftiger Weise zugelegt hat oder Marianellas wütenden Bruder. Das ist viel spannender, als wenn wir das zeigen würden. Solche Dinge wusste ich bei TALKING MONEY. Vieles andere wussten wir leider nicht: welche Banken würden wir finden, in welchen Ländern würden wir drehen, welche Kunden und welche Geschichten würden wir antreffen? Alles unbekannt, was für einen Finanzierungsprozess nicht gerade einfach ist. Die Leute in den Sendern und Förderanstalten möchten ja gerne vorher ziemlich viel wissen. Wenn man mit guten Gründen erklärt, warum das hier nicht möglich ist, sind sie manchmal ein bisschen beleidigt oder nennen dich einen Wirrkopf. „Es soll aber kein Farocki daraus werden, oder?“, hörte ich einmal, da lebte der Großmeister gerade noch.

Frage: Wie kam es eigentlich, dass Sie in so einer intimen Situation überhaupt drehen durften? Wie konnten sie die Kunden dazu überreden?

Antwort: Die Kunden waren nicht das Problem. Die fanden unser Projekt meistens interessant. Aber im Vorfeld Banken davon zu überzeugen, reale Kundengespräche ungeplant und aus dem Stehgreif aufzunehmen, war regelrecht die Hölle. Dass es schwierig werden würde, war uns von Anfang an bewusst, aber dann wurde es geradezu grauenhaft und ich bekam irgendwann schon Angst, ob wir es überhaupt noch schaffen würden. Soweit ich es überblicke, hat noch niemand Bankberatungsgespräche dokumentarisch gedreht und jetzt weiß ich auch warum. Wir haben jedenfalls weltweit ca. hundertachtzig Banken kontaktiert, die entweder gar nicht geantwortet oder gleich abgelehnt haben. Gesprächsangebot gleich null. Die haben uns wohl für bescheuert gehalten. Es hat dann mitunter Jahre gedauert, irgendwo eine Dreherlaubnis zu bekommen. Die meisten Banken, die sich am Ende dazu bereit erklärt haben, sind über ziemlich verrückte Zufälle und persönliche Kontakte, die oft über zig Ecken liefen, aufgetaucht. Sobald wir einmal die Chance zum Gespräch hatten wurde die Sache etwas leichter. Unsere Argumentationslinie lautete verkürzt etwa so: „Wie wäre es, wenn Ihre Bank sich zur Abwechslung mal nicht hinter einer Spiegelfassade versteckt und bloß weiter werbemäßige Wohlstandsversprechen verbreitet, sondern etwas Neues wagt? Lassen Sie doch mal ein wenig Transparenz zu, nach allem, was passiert ist. Machen Sie bei unserem spannenden Kunstfilmprojekt mit („Wie reden wir weltweit über Geld?“) und lassen uns teilhaben an etwas, das Sie eh am Besten können, nämlich mit Menschen über ihr Geld zu sprechen.“ Trotzdem haben viele Bankdirektoren natürlich kalte Füße bekommen, weil sie dachten, wir wollten in journalistischer Manier irgendwelche Finanzskandale aufdecken. Aber neun von hundertachtzig haben dann doch ‚Ja’ gesagt – und denen bin ich wirklich für ihren Mut dankbar, denn dass es nicht bloß Friede, Freude, Eierkuchen geben würde, war schon allen klar.

Frage: Und wie liefen dann die Dreharbeiten in den Banken ab? Ich kann immer noch nicht glauben, dass sich die Kunden einfach so filmen ließen.

Antwort: Von den je fünf Werktagen, die wir in einer Bank gedreht haben, war der erste Tag zum Kennenlernen des Hauses und der Mitarbeiter da. Auch um die Berater ausfindig zu machen, die wirklich dazu bereit sind bei uns mitzumachen und nicht bloß von ihrem Chef dazu abgestellt wurden. Manchmal haben wir in einigen Büros erste Aufnahmen gemacht. Man merkt sofort, ob jemand das grundsätzlich kann, sich trotz Kamera ganz auf ein Kundengespräch einzulassen. Ab dem zweiten Tag haben wir in der Lobby der Bank gewartet und alle Menschen angesprochen, die hereinkamen. Wir haben ihnen einen Flyer in Landessprache zu lesen gegeben, der das Projekt vorstellt und uns danach unterhalten. Im Durchschnitt haben zwischen 60-80%, mancherorts sogar fast alle Kunden positiv reagiert. Unsere Verabredung sah vor, zunächst das Treffen mit dem Berater aufzunehmen und im Anschluss zu sehen, ob die Portraitierten ihre Unterschrift unter die Einverständniserklärung setzen oder nicht. Ohne Unterschrift kann ich das Material nicht veröffentlichen. Es hat nicht einen Fall gegeben, wo uns nach dem Dreh die Unterschrift nicht gegeben wurde. Die Leute haben sich scheinbar vor der Kamera respektiert und wohl gefühlt. Auf diese Art haben wir in acht Ländern circa 150 Geschichten gesammelt.

© Goethe-Institut Taipei & Terry Lin

Frage: Warum glauben Sie denn, dass so viele Kunden mitgemacht haben?

Antwort: Wir waren davon auch überrascht. Ich glaube, viele Leute fanden die Idee des Projektes cool und wohl auch relevant. An diesem Tisch sitzt ja niemand gerne und wie wir da behandelt werden, sollte vielleicht einfach mal gesehen werden. Jedenfalls kam in vielen Gesprächen der Eindruck auf, dass sich die Kunden missverstanden, abgelehnt oder ins Unrecht gesetzt fühlen. Mein Eindruck war, dass viele aus dieser Position heraus durchaus ‚etwas sagen‘ wollten. Also haben sie es einfach mal probiert. Einige von ihnen dachten aber bestimmt auch, dass sie an dem Tag einen besseren Deal bekommen, da die Bank freundlicher gestimmt sein würde, wenn eine Kamera daneben steht.

Frage: Nach welchen Gesichtspunkten wurden die Länder ausgewählt, in denen Sie gedreht haben?

Antwort: Wir wollten möglichst auf allen Kontinenten unterwegs sein, die einflussreichsten Weltsprachen abbilden und in unterschiedlich religiös, sozial oder politisch geprägte Gesellschaften hineinschauen. Da darf eine islamische Republik, ein durch Kolonialismus oder ausgeprägten Katholizismus geprägtes Land ebenso wenig fehlen, wie eines, das sich als Ursprungsland des Kapitalismus versteht – oder aber eine ehemalige Sowjetrepublik. Aktuell kommunistisch regierte Länder wie Russland und China haben leider nicht geklappt, Dubai übrigens auch nicht. Dass wir nur ein asiatisches Land und kein arabisch im Film haben, ist schade. Aber dafür ist die reiche Schweiz doch großartig oder Neapel, Europas Königin des Südens. Im Angesicht der Tatsache, dass es ultraschwierig war, überhaupt irgendwelche Geldinstitute zum Mitmachen zu bewegen, mussten wir kompromissbereit sein. Im Film tauchen jetzt acht Länder auf, aber am liebsten hätte ich zwei mehr gehabt, damit es noch unübersichtlicher wird. Wo exakt man sich gerade aufhält, ist nicht von Belang: der Planet ‚Geld’ ist gemeint. Gegen Ende der Produktion, bekamen wir ganz unerwartet eine Dreherlaubnis in Japan, aber da war uns schon die Kohle schon ausgegangen (lacht).

Frage: Wie würden Sie die Arbeitsphase des Schnitts beschreiben?

Antwort: Kurz gesagt, als nahezu endlos. Wir haben sieben Monate gebraucht, um die Geschichten herauszufiltern und so miteinander in Beziehung zu setzen, dass 85 spannende Minuten daraus entstehen. Ich finde übrigens Bankgespräche tendenziell auch eher langweilig. Wir mussten schon ganz genau hinsehen, um etwas Großes in den oft banalen Unterhaltungen zu entdecken. Aber diese Dimension, dass etwas sehr Wichtiges, Menschliches und Universales auftaucht, gibt es natürlich. Die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen. Hinzu kam, dass wir so viel übersetzen und untertiteln mussten. Die Übersetzer haben über einen langen Zeitraum Großartiges geleistet, denn um detailliert in solche Unterhaltungen einsteigen zu können, muss jedes Wort stimmen. Der Schnitt, den Frederik Bösing verantwortet, war auch deshalb schwierig, da ja keine Geschichte im herkömmlichen Sinne erzählt wird, die aus drei Akten besteht und einem festen Ensemble von Figuren folgt. TALKING MONEY ist als Erzählung eher ein schwebendes, durchaus stures, mysteriöses Objekt, das seine Spannung unmerklich immer neu generiert und sich aus teils winzigen Elementen, Assoziationen und Gefühlsflächen zusammensetzt. Die Menschen, die im Film auftauchen sind toll und man gewinnt sie, glaube ich, schnell lieb, aber dann muss man sich auch schon wieder von ihnen verabschieden. Ganz schön frustrierend! Auch das musste im Schnitt aufgefangen werden. Nach vielen Vorführungen auf der ganzen Welt habe ich aber den Eindruck, dass der Film etwas sehr Wesentliches schafft: das unsichtbare, unglaublich mächtige Netz, das wir Geld nennen und das uns alle verbindet, sicht- und spürbar zu machen – egal, ob wir gerade in der Bank sitzen oder nicht.

Frage: Ich habe es im Kino auch so wahrgenommen, dass da eine unglaublich konzentrierte Spannung herrschte. Das hat mich überrascht, denn ehrlich gesagt, hatte ich mir einen Film über Banken und Geld im Vorfeld nicht sehr unterhaltsam vorgestellt…

Antwort: Das höre ich in Publikumsgesprächen immer wieder. Die meisten Zuschauer erwarten einen Film, der ihnen etwas Schlaues über das Finanzdienstleistungswesen erklärt. Das passiert hier natürlich nicht. Genauso wenig, wie es ein Film gegen ‚die bösen Banken’ ist. Das fände ich auch langweilig, denn das ist doch mittlerweile ‚common sense’ und tolle Filme gibt es auch dazu. Die Frage ist eher: warum machen wir da überhaupt noch mit? Eine Zuschauerin in Bad Aibling meinte nach dem Film: „Zum Glück war der Film ganz anders, als ich gedacht hatte. Das Menschliche darin hat mir so gut getan!“ So soll es sein. Es geht um uns selbst. Ich will niemanden belehren – und ehrlich gesagt verstehe ich auch nach fünf Jahren nicht viel von Finanzprodukten. Wenn überhaupt, sollen meine Filme Sie in einen Raum entführen, in dem Sie so noch nie waren. Dass sich der Kinosaal in eine Bank verwandelt und wir uns miteinander und ganz direkt in dieser verrückten, ziemlich intimen Situation erleben können. Kino, als eine Art minimalistische Achterbahnfahrt, die sich alleine und vor einem Laptop leider nicht vermittelt. Dazu braucht es eben diesen großen, dunklen Saal und all die Gespenster, die darin wohnen.